Gestern hat Ihr Kind den Brokkoli noch gegessen, heute landet er auf dem Boden. Und das Abendbrot besteht aus drei Bissen Brot und einem Nein zu allem anderen. Wenn das Kleinkind schlecht isst, machen sich fast alle Eltern Sorgen. Die gute Nachricht: In den meisten Fällen ist das eine normale Entwicklungsphase. Hier lesen Sie, warum sie entsteht, welche einfache Aufgabenteilung am Tisch den Druck herausnimmt und an welchen Zeichen Sie erkennen, dass Sie doch zur Kinderarztpraxis gehen sollten.
Kurz gesagt: Kleinkind isst schlecht
- Wählerisches Essen ist häufig eine Phase. Die Ablehnung neuer Lebensmittel ist laut Netzwerk Gesund ins Leben zwischen zwei und sechs Jahren am stärksten.
- Nach dem ersten Geburtstag wächst Ihr Kind langsamer, deshalb isst es oft weniger als im Babyalter.
- Bieten Sie Abgelehntes immer wieder an: Viele Kinder brauchen acht bis zehn Probierversuche, manche mehr.
- Sie bestimmen, was es wann gibt. Ihr Kind entscheidet, ob und wie viel es isst.
- Druck, Belohnungen und Machtkämpfe machen das Essen meist schwieriger.
Warum isst mein Kleinkind so schlecht?
- Weniger Wachstum, weniger Hunger: Im ersten Jahr verdreifacht sich das Geburtsgewicht ungefähr, danach geht es deutlich langsamer. Der Appetit passt sich an.
- Vorsicht bei Neuem: Kleinkinder sind von Natur aus misstrauisch gegenüber unbekannten Speisen. Fachleute nennen das Neophobie. Sie gilt als natürlicher Schutzmechanismus und geht mit der Zeit zurück.
- Selbst bestimmen wollen: Essen ist einer der wenigen Bereiche, in denen Ihr Kind wirklich mitentscheiden kann.
- Müdigkeit, Infekte, Zähne: Wer müde oder krank ist oder gerade Zahnbeschwerden hat, isst schlechter.
- Zwischendurch satt: Viel Milch, Saft oder ständige Snacks zwischen den Mahlzeiten füllen den kleinen Magen.
Die Aufgabenteilung am Tisch
Der wirksamste Hebel ist eine klare Rollenverteilung. Sie nimmt den Machtkampf heraus, weil jede Seite ihre eigene Aufgabe hat:
| Das entscheiden Sie | Das entscheidet Ihr Kind |
|---|---|
| was auf den Tisch kommt | ob es von einem Lebensmittel isst |
| wann gegessen wird | wie viel es isst |
| wo gegessen wird, also am Tisch statt nebenbei | in welcher Reihenfolge es isst |
Das fühlt sich anfangs ungewohnt an, besonders wenn Ihr Kind nur zwei Bissen isst. Halten Sie trotzdem durch: Gesunde Kinder regulieren ihre Menge über mehrere Tage gut selbst. Schauen Sie deshalb auf die Woche, nicht auf den einzelnen Teller.
Die Probier-Leiter: so wird Neues vertraut
Ein neues Lebensmittel muss nicht gleich gegessen werden. Jede Stufe auf dieser Leiter zählt als Fortschritt:
- Es liegt auf dem Tisch, und Ihr Kind sieht, wie Sie es essen.
- Ihr Kind darf es anschauen und daran riechen.
- Es fasst es an, zerdrückt es, spielt damit.
- Es leckt daran oder nimmt es kurz in den Mund und darf es wieder herausnehmen.
- Es probiert einen kleinen Bissen.
Laut Netzwerk Gesund ins Leben akzeptieren Kinder Neues eher, wenn Erwachsene und Geschwister dasselbe essen. Auch die Zubereitung macht einen Unterschied: Gemüse roh als Sticks zum Dippen, geraspelt, gegart oder als Suppe schmeckt jedes Mal anders.
8 Tipps, die bei schlechten Essern helfen
- Feste Zeiten: drei Hauptmahlzeiten und zwei kleine Zwischenmahlzeiten, mit zwei bis drei Stunden Abstand.
- Zwischen den Mahlzeiten Wasser oder ungesüßten Tee anbieten statt Milch oder Saft.
- Kleine Portionen auftun. Nachnehmen ist ein Erfolgserlebnis, ein überfüllter Teller schreckt ab.
- Immer mindestens ein Lebensmittel auf den Tisch stellen, das Ihr Kind sicher mag.
- Gemeinsam essen, ohne Handy, Tablet und Fernseher.
- Ihr Kind beim Einkaufen, Waschen oder Tischdecken mithelfen lassen.
- Nicht kommentieren, wie viel gegessen wurde. Loben Sie lieber, was am Tisch gut klappt.
- Die Mahlzeit nach etwa 20 bis 30 Minuten ruhig beenden.
Was Sie besser lassen
- „Nur noch ein Bissen“ und Überreden
- Nachtisch oder Süßigkeiten als Belohnung fürs Aufessen
- jedes Mal ein eigenes Wunschessen kochen
- Gemüse nur heimlich verstecken: Es darf auch sichtbar auf dem Teller liegen, damit Ihr Kind es kennenlernt
Wann zum Kinderarzt?
- Ihr Kind nimmt ab oder wächst nicht mehr wie erwartet. Die Wachstumskurven im Gelben Heft und die U-Untersuchungen helfen bei der Einschätzung.
- Ihr Kind würgt oder erbricht regelmäßig bei bestimmten Konsistenzen oder verweigert feste Nahrung.
- Es akzeptiert nur noch sehr wenige Lebensmittel oder lässt ganze Lebensmittelgruppen komplett weg.
- Nach dem Essen treten oft Bauchschmerzen, Ausschlag oder Durchfall auf.
- Ihr Kind wirkt dauerhaft schlapp oder zeigt nie Hunger.
- Mahlzeiten sind für Ihr Kind oder für Sie mit großer Angst oder Stress verbunden.
Akute Warnzeichen bei Krankheit finden Sie in unserem Beitrag Baby wann zum Arzt?. Außerhalb der Sprechzeiten erreichen Sie den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117.
Häufige Fragen
Mein Kleinkind isst kein Gemüse. Was kann ich tun?
Stellen Sie Gemüse weiter regelmäßig auf den Tisch, ohne Kommentar und ohne Pflicht zum Probieren. Variieren Sie die Form: roh mit Dip, als Ofengemüse, in Nudelsoße oder Suppe. Obst liefert in der Zwischenzeit viele ähnliche Nährstoffe, deshalb ist eine gemüsearme Phase meist kein Grund zur Panik.
Mein Kind isst nur Brot, Nudeln oder Obst. Ist das schlimm?
Viele Kleinkinder haben Phasen mit wenigen Lieblingsessen. Bieten Sie diese weiter an, aber immer zusammen mit kleinen Mengen anderer Lebensmittel. Werden es über Monate immer weniger akzeptierte Speisen, besprechen Sie das mit Ihrer Kinderarztpraxis.
Wie viel muss ein Kleinkind essen?
Eine feste Menge pro Mahlzeit gibt es nicht, der Appetit schwankt von Tag zu Tag stark. Entscheidend ist, ob Ihr Kind munter ist, sich gut entwickelt und entlang seiner Wachstumskurve wächst. Das wird bei den U-Untersuchungen regelmäßig geprüft.
Mein Kind isst nichts, seit es krank ist. Was tun?
Während eines Infekts essen Kinder oft kaum etwas. Wichtig ist dann vor allem, dass Ihr Kind genug trinkt. Der Appetit kommt meist nach einigen Tagen zurück. Trinkt Ihr Kind sehr wenig oder wirkt es sehr schlapp, rufen Sie die Kinderarztpraxis an.
Wie Kinder vom Brei zum Familientisch kommen, zeigt der Beikostplan fürs erste Jahr. Weitere Themen rund ums Essen finden Sie im Ratgeber Ernährung.
Quellen
- Netzwerk Gesund ins Leben: Was tun, wenn Kleinkinder sehr wählerisch beim Essen sind? (Neophobie, Probierversuche)
- Netzwerk Gesund ins Leben: So lernen Kleinkinder essen (Mahlzeitenstruktur, Vorbild, Bildschirme)
- Netzwerk Gesund ins Leben: Handlungsempfehlungen Kleinkinder, Erweiterung der Lebensmittelvielfalt
- kindergesundheit-info.de (BIÖG): Mit Problemen beim Essen umgehen
- Kinderaerzte-im-Netz (BVKJ): Was tun, wenn Kleinkinder sehr wählerisch beim Essen sind?
Dieser Ratgeber enthält allgemeine Informationen und ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn Sie sich Sorgen um das Essverhalten oder das Wachstum Ihres Kindes machen, wenden Sie sich an Ihre Kinderarztpraxis.
